it_2009_09_100Um halb Sechs falle ich aus dem Bett. Zur Sicherheit, denn mein Telefon meinte gestern schon den ganzen Tag, seine Zeitzone eigenständig auf GMT umstellen zu müssen. Denis ist der Einladung im Haus zu schlafen nicht gefolgt. Und Sieben (!!) gehts in der Gärtnerei los. Um neun kommt die erste Ladung frisch gerodeter Pflanzen aus einem anderen Betriebsteil auf den Hof gerollt. Uns ist schon jetzt klar, wir werden nur einen Bruchteil der bestellten Pflanzen mitnehmen können. Darum hängt Marcello am Telefon und organisiert den Transport der restlichen Pflanzen nach Erfurt. Inzwischen beginnt es wieder zu regnen, mal mehr mal weniger. Zwischendurch sehen wir die Folgen des letzen Hagelschlages vor wenigen Tagen. Yucca und Aloe, die im Freien stehen haben teilweise häßliche Flecken bekommen.

Unserem neuen realistischerem Zeitplan sind bereits zwei Stationen geopfert worden. Die dritte Gärtnerei, die uns Marcello empfohlen hatte streichen wir letzlich auch, dort geht gerade ein Unwetter nieder. Folge: keine Telefonverbindung mehr – wenigstens das Handy geht noch.

Wir bekommen so ein wenig Zeit zum Luft holen. Ein köstlicher Caffe mit der halben Belegschaft der Gärtnerei die sich gegenseitig Schauergeschichten über blutige Unfälle mit Kakteendornen und Palmen erzählen. Danach gehen wir auf Opuntienjagd – schließlich stehen die schönsten Exemplare hier an jeder Ecke. Bis auf die Ecken, an denen wir vorbeifahren. Keine erreichbare Opuntia – entweder hinter hohen Mauern im Vorgarten, oder aber erst kürzlich flambiert auf dem Müllberg.

it_2009_09_151Wir entdecken einen wunderbaren Küstenabschnitt. Wild, zerklüftet, Felsbrocken im wütenden Meer. Ein paar Minuten genießen. Flora studieren, im Salzwasser wachsen auf Schwerölbrocken die wie Teer aussehen Pflanzen. Denis entdeckt eine fette Zwiebel mit schöner Lilienblüte obendrauf. Kleine Büsche die an verholzte Kalanchoe erinnern, ich bin besonders fasziniert von etwas strauchig wachsendem das kleine holzige Dornen an der Oberseite zeigt. Noch größer ist meine Freude über die reifen Samen, die ich mir mit blutigen Fingern schmerzhaft erkaufe. (Eine Liste mit einigen „Trophäen“ unseres Streifzuges wird es im letzten Teil meines Berichtes geben) Zu guter letzt können wir dann doch noch Opuntien mitführen – in der Gärtnerei wachsen einige große Exemplare mit verschiedenen Früchten. Bei der Gelegenheit ernte ich gleich noch Samen von it_2009_09_192wunderschön blühenden Neobuxbaumia polylopha. Marcello macht eine großzügige Geste und sagt: „davon haben wir genug“.

Auf dem Hof gestikuliert der Mann vom großen blauen Traktor wild und bedeutet uns zur Ladehalle zu fahren. Die Container sind schon fertig gepackt, wenig später sind wir abfahrbereit, sogar unser frisch gekühltes Bier ist eingeladen, es ist wie geplant 15 Uhr – nur Marcello ist jetzt verschwunden. Wir möchten nach dem herzlichen Empfang uns nicht einfach so verkrümeln und warten mit wachsender Ungeduld auf seine Rückkehr. Ungeduld weil wir um 18 Uhr in Palermo sein müssen, um unsere Fähre zu erwischen. Erst 49 Minuten später sind wir wieder unterwegs. Denis war inzwischen schon etwas ungnädig. Nach weiterer Fahrt durch eine beeindruckende sizilianische Landschaft (der Etna) hält sich auch diesmal vor uns versteckt) treffen wir in Palermo ein. Ich telefoniere mit Ralf in Erfurt, der uns erst jetzt Namen und Adresse der Reederei geben konnte, derweil fahren wir durch schmale Straßen auf denen keine Verkehrsregel zu gelten scheinen – was halbwegs verständlich ist, der Benutzung nach ist das Viertel auch mehr ein Gemüsemarkt. Inzwischen haben wir die Adresse notiert und kommen durch die Fischabteilung. Leider kennt TomTom die übermittelte Adresse nicht. Wir fahren nach Gefühl in Richtung Hafen, den wir richtig finden. Dort bekommen wir unser Ticket und parken wenig später im Bauch des riesigen MS Exellence das um 21 Uhr Richtung Genua starten wird. In strömendem Regen und Dunkelheit verschwindet Sizilien hinter uns. Wir beginnen unsere fast eintägige Überfahrt mit einem frugalen wie kostspieligem Abendessen. Nach einem Feierabendbier klemmen wir uns in unsere opulenten Pulmannsitze und versuchen zwischen Cobra 11 (italienisch), lautstarkem schnarchen und Chipstütengeraschel einzuschlafen. Mit mäßigem Erfolg – wenigstens „gefühlt“ schlafe ich eigentlich nicht.

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