Historische Artikel über den Erfurter Gartenbau

Ludewig Wittmack schreibt in der Zeitschrift „Gartenflora“ no. 50 aus dem Jahr 1901

Jedesmal, wenn man wieder nach Erfurt kommt, freut man sich über den Fortschritt in den Kulturen. Ich bin dieses Jahr bereits zweimal dagewesen, das erste mal leider nur auf wenige Stunden, auf der Durchreise nach München. Es war gerade um Frühlingsanfang, den 22. März, aber was für ein Anfang! Schnee und Schlackenwetter in entsetzlichster Weise.

Das zweite Mal war es am 7. und 8. Juli; aber auch da konnte ich wegen anderer Geschäfte nicht viel Zeit auf den Gartenbau verwenden. Einige Stunden am Sonntag, den 7. Juli, widmete ich der Besichtigung des Dreienbrunnens und sah hier die Kultur der Brunnenkresse in den breiten Gräben (den Klingen), sowie die des Zwerg-Blumenkohls zwischen den Gräben auf sehr hohen Beeten. Am Montag, den 8. Juli, nahm sich Herr Ludwig Möller meiner freundlichst an und führte mich zunächst nach einer alten Blumenkohl-Samengärtnerei, der des Herrn Joh. Czekalla. Später sah ich in seiner Begleitung die Gärtnereien von Ernst Benary, die Samenzucht von Gewächshausgurken bei Weigelt & Co. und Haage & Schmidt’s Kulturen.

J. C. Schmidt’s Etablissement zu besuchen, erlaubte leider die Zeit nicht mehr, doch sieht man schon auf dem Wege von Haage & Schmidt’s Geschäft zur Stadt viel von den Baumschulen der Firma J. C. Schmidt.

Gärtnerei Benary und Heinemann

Besuch am 22. März 1901

Im März hatte ich nur Ernst Benary und F. C. Heinemann besichtigen können.

Herr Kommerzienrat Friedrich Benary führte mich in das riesige Primelhaus, ein Haus mit Satteldach, das 105 m lang, 12 m breit und im First 3 1/2 m hoch ist. Hier standen etwa 32.000 Töpfe Primula chinensis, namentlich die Sorten fimbriata alba, von der am meisten gebraucht wird, ferner coccinea magnifica, sehr schön, globosa rubra, filicifolia macrophylla kermesina splendens, filicifolia alba, ausgezeichnet, fil. rubra, iimbriata rubra, magnifica carminea, cristata hybrida. Die Hauptsorte ist und bleibt fimbriata alba. — Die schönste von allen Primeln aber war alba magnifica, die nur ganz zart gefranst ist und deren fünf Blumenzipfel sich dicht decken. Es ist das überhaupt das Streben bei Ernst Benary und vielen deutschen Züchtern, dass die fünf Abschnitte der Blumenkrone nicht Zwischenräume zwischen einander lassen, sondern sich auf einander legen (sich decken). Dadurch wird die Blume viel runder und einheitlicher, und dies erklärt es auch, warum die deutschen Samen, trotz des höheren Preises, gegenüber den südfranzösischen, welche solche Deckung nicht zeigen, sehr gesucht sind. Die Produktionsbedingungen sind in Deutschland selbstverständlich viel ungünstiger als in Südfrankreich.
Die zur Samenzucht bestimmten Primeln werden Mitte Juli ausgesäet und Ende September des folgenden Jahres erst geerntet, also eine sehr lange Kultur. Ausserdem waren im März zu schauen die Winterlevkoyen, Herbstlevkoyen und Kaiser Levkojen zur Samenzucht. Diese werden im Mai ausgesäet, dann pikiert, hierauf ins freie Land gepflanzt, im Herbst wieder ausgehoben und in Töpfe gesetzt und entweder im Gewächshause oder im Mistbeetkasten überwintert. Was die Kultur so schwer macht, ist der Umstand, dass man die gefüllten, die doch keinen Samen tragen, mit überwintern muss.

Bekanntlich hat Ernst Benary den Vertrieb des von Herrn De Langhe-Vervaene in Brüssel gezüchteten Cyclamen Papilio übernommen, aber er ist nicht bei der ursprünglichen Form stehen geblieben, sondern hat durch sorgfältige Auslese dieser wie es scheint sehr variablen Form höchst interessante neue Formen erhalten. Da waren einige, denen man den Charakter eines Cyclamen überhaupt kaum noch ansah und die man als anemonenblütige bezeichnen könnte.

Auch Begonia Henry de Vilmorin sahen wir in einigen Riesen-Exemplaren; sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ganz niedrig bleibt und ihre Blütenstiele schön über dem Laube erhebt, ferner Begonia Louis Cappe, eine hohe Blattbegonie, schön silbergrau, scharf gezähnt, Begonia metallica usw.

Dass es an Saintpaulia ionantha nicht fehlte, ist selbstverständlich. Es war ein guter Griff der Firma Ernst Benary, als sie 1893 dieses auf der Genter Ausstellung vom Ober-Hofgartendirektor Hermann Wendland vorgeführte „Usambara-Veilchen“ (farbig und schwarz abgebildet – Gartenflora S. 321 t. 1391) erwarb!

Gynura aurantiaca ist von Kalbreyer gefunden und von Benary eingeführt worden. Es ist eine schöne Blattpflanze. Ein Cyclamenhaus zeigte besonders Cyclamen persicum giganteum album mit sehr grossen Blumen, C. p. g. sanguineum, Blumen nicht so gross, ferner var. roseum superbum. var. violaceum usw.

Von E. Benary gings zum Kgl. Hoflieferanten F. C. Heinemann, bei dem ich einmal die Grossartigkeit des Versandgeschäftes, namentlich auch an Privatkunden, anderseits die Sorgfalt in der Kultur der Begonien bewundern konnte. Man war am 22. März gerade beim Pikieren derselben, und jeder Gärtner weiss, wie gerade Begoniensämlinge bei ihrer Kleinheit Aufmerksamkeit beim Verpflanzen erfordern. Auch viele Sortimente anderer Pflanzen, selbst Wasserpflanzen, fanden sich, da auch letztere vielfach verlangt werden.

Brunnenkresse und Blumenkohl – Gärtnereien Haage und Czekalla

Besuch am 7. und 8. Juli 1901.

Am 7. Juli besuchte ich, wie gesagt, die altberühmten Kulturen im Dreienbrunnen. Der Weg dahin führt an einer neuen Parkanlage vorüber, in welche jetzt das Denkmal Christian Reichart’s, des Begründers der Dreienbrunnenkulturen, vorsetzt ist. Früher hatte es seinen Stand auf dem Reichart-Platze, doch da ist jetzt das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. errichtet. Offenbar steht das Reichart-Denkmal an seinem neuen Standorte zweckmässiger, denn es liegt unmittelbar vor dem Dreienbrunnen selbst.

Noch immer plätschert der sich durch seine milde Temperatur im Winter auszeichnende Dreienbrunnen-Bach (wohl eigentlich von „Treuer Brunnen“ abzuleiten) durch die Felder, noch immer sieht man die breiten Gräben mit dem charakteristischen, darüber liegenden Brett als Steg, und noch immer sind sie gefüllt mit Unmassen von Brunnenkresse. Man fragt sich unwillkürlich: Wo bleibt all diese Brunnenkresse, die übrigens hauptsächlich nur im Winter und Frühjahr als Salat verspeist wird. Früher ging bekanntlich viel nach Frankreich, speziell Paris; doch da zieht man längst die Brunnenkresse selbst. Eine ziemliche Menge verzehrt allerdings Erfurt allein; indes wo bleibt das übrige? Im allgemeinen ist doch der Genuss von Brunnenkresse in Deutschland lange nicht so Mode wie in Paris. — Herr Ludwig Möller sagte mir, dass ein Händler (Es ist Herr Kaufmann Gottlob Jander, Erfurt, Löberstrasse 63-64.) den Vertrieb in die Hand genommen hat, er annonciert besonders in den Gastwirts-Zeitungen, und wo irgend bei einem Mahle Brunnenkresse gebraucht wird, wendet man sich an ihn.

Zwischen den Gräben im Dreienbrunnen, auf stark erhöhten, kräftig gedüngten Beeten steht der Erfurter Zwerg-Blumenkohl in seiner unübertroffenen Schönheit. Aber in Bezug auf die Blumenkohl-Kultur in Erfurt im allgemeinen ist doch ein gewaltiger Umschwung zu verzeichnen. Infolge der starken Importe aus dem Süden während des Winters hat man die ehemals blühende Treiberei, wie mir Herr L. Möller mitteilte, fast ganz aufgegeben, dafür hat man aber die Sommerkultur von Blumenkohl ganz gewaltig ausgedehnt. Rings um Erfurt hat man grosse Flächen feldmässig mit Blumenkohl bestellt, und anstatt dass man früher kleinere Quantitäten versandte, verschickt man jetzt täglich ganze Waggonladungen nach Leipzig, Dresden usw. Dabei sieht man natürlich weniger auf lauter Eliteköpfe, als auf hohe Erträge. Dagegen wird, wie ich bei Herrn Joh. Czekalla sah, bei der Gewinnung des Blumenkohl-Samens noch ganz streng darauf gesehen, dass nur von den allerbesten, geschlossensten Köpfen der Same gewonnen wird.
Die Frühbeete des Herrn Czekalla liegen mitten in der Stadt, unmittelbar hinter dem Dom, und gehört das Grundstück auch dem Dom. Die eigentlichen Grosskulturen befinden sich ausserhalb der Stadt. Es ist ein malerisches Bild des alten Erfurt, welches man hier noch schaut. Im Osten hoch oben das schöne Portal des Domes und zu Füssen ein von einem Arme der Gera begrenztes Stück Gartenland mit einfachen Häusern und Schattenstellagen, nicht fern davon der grosse schattige Propsteigarten mit den Wohnungen der Geistlichen. Zur Samengewinnung säet man den Blumenkohl-Samen im September aus, überwintert die Pflanzen in Frühbeetkästen und pflanzt sie im Mai wieder aus.
Ende Juni sind die Köpfe ausgebildet. Die regelmässigsten, geschlossensten und weissesten werden bezeichnet, und ängstlich wartet man nun, dass sie aufbrechen und die Blütenstiele entwickeln. Manchmal sind gerade die besten in dieser Beziehung Trotzköpfe. (Sollte man nicht durch Einschnitte das Platzen begünstigen können?)
In früheren Zeiten kostete 1/2 kg des echten Erfurter Zwerg-Blumenkohls 600 M., jetzt ca. 200 M.

Samenkulturen bei der Gärtnerei E. Benary

Am 8. Juli wurden zunächst die Kulturen bei E. Benary unter Führung des Herrn Obergärtner Michaelis u. a. besichtigt. Hier fielen besonders unter Schattenstellagen die zahlreichen Sorten der Petunien auf, u. a. die Petunia hybrida gigantea fl. pl., die von E. Benary vor 2 Jahren in den Handel gegeben ist und ca. 30 % gefüllte Blumen bringt, ferner die Calceolaria rugosa major, dann Campanula mirabilis, von Haage & Schmidt eingeführt, mit lederartigen Blättern und schön blauen Blumen, mehrjährig, Papaver alpinum in vielen Sorten, auch var. laciniatum, Gerardia hybrida, Phlox Drummondi cuspidata fol. arg. marg., eine neue Varietät, die von weitem den Eindruck macht, als wenn das ganze Laub silbergrau wäre, Antirrhinum „Sonnengold“ von Otto Putz in Erfurt in den Handel gegeben, Arctotis stoechadifolia Berg. (A. grandis Thunb.), von Haage & Schmidt eingeführt (schwarze Abbild. Gartenfl. 1900 S. 556). Heuchera sanguinea (hybrida), weiss, rosa und rot, sehr hoch und grossblumig, Delphinium nudicaule, wird, obwohl perennierend, als Einjährige behandelt, Viola cornuta bicolor, Phlox Drummondi Heynholdi ‚Kaiserin Augusta‘ usw. Sehr schön machte sich im alten Garten ein Beet von Begonia hybrida Lafayette mit grossen, leuchtend dunkelroten Blumen, die zu Gruppen ausgezeichnet ist, ferner die zahlreichen Musa Ensete usw.

Die Gurkenhäuser der Gärtnerei Weigelt & Co. in Erfurt

Ein hoher Genuss ward mir zu teil, als Herr L. Möller mit mir zu Herrn Weigelt & Co. fuhr. Hier sah ich in zwei ca. 25 m langen Häusern Gurken zur Samenzucht kultiviert. Die Pflanzen waren so reich behangen, wie ich noch nie gesehen, und war es eine Lust, die riesigen, schön geformten Früchte, dicht bei einander herabhängend, zu schauen. Kultiviert werden Prescott Wonder, Telegraph Improved, Early Tottenham Prolific und besonders Weigelts eigene Zucht: Weigelt’s Beste von Allen. Sie ist härter und wächst schneller, sie erhielt auch das Wertzeugnis des Verbandes der Handelsgärtner. Auch die gefüllten Begonien hier waren sehr schön.

Die Gärtnerei von Haage & Schmidt

Vorüber an vielen lachenden Blumenfeldern, kamen wir endlich nach dem allbekannten Etablissement von Haage & Schmidt, wo Herr Obergärtner Zipperlen die Führung übernahm. Hier waren es zunächst die Kakteen, dann die Mesembrianthemum, die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen; neu ist Mesembrianthemum truncatellum Haw., klein, mit gelben Blumen, aus Südafrika. Aus Südafrika und von unseren anderen Schutzgebieten haben Haage & Schmidt überhaupt viele Neuheiten, die zum Teil noch der Bestimmung harren, erhalten. So Erythrina suberosa aus Südwest-Afrika, von Kurt Dinter gesandt, verschiedene Malvaceen, Corapositen und Akazien. Einige der Akazien, wie z. B. Acacia Giraffae, werden in den Kolonien als Forst- und Nutzbäume herangezogen. — Auch die neueren Musa-Arten sind vorhanden, so M. japonica, die bis 10° Kälte aushalten soll, und die allerneueste: M. religiosa Dembowski. die ähnlich wie M. ensete soll ausgepflanzt werden können, aber keine so schön rote Blattstiele hat.

Von Nymphaeen ist ein grosses Sortiment namentlich fast alle Marliaeschen Sorten, vorhanden. Sie haben den Winter ganz gut ausgehalten. Eine Nymphaea „O’Marana“ ist wahrscheinlich ein Bastard von N. Ortgiesiana und N. zanzihariensis; schön ist auch N. Leydeckeri purpurea. — Crinum powelli blüht schön rosenrot und ist winterhart. Eine treffliche Pflanze für die trockene Zimmerluft wird voraussichtlich die schön scharlachrote, etwa wie Rochea falcata blühende Kalanchoe flammea (Crassulaceae) abgeben. Sehr schön ist das riesige blau blühende Allium viviparum, ferner A. rubelluin, Acantholimon glumaceuni, Verbena pannosa. Tritoma tuckii, blüht früh, Gladiolus princeps etc.

Mit grosser Sorgfalt werden unter Schattenstellagen in der in Erfurt üblichen Weise auch hier die Nelken, die Levkojen usw. gezüchtet. Ganz besonders verdient schliesslich die vor etwa 4 Jahren eingerichtete neue Anlage für Wasserpflanzen hervorgehoben zu werden.

Erfurter Gartenanlagen

Schliesslich sei ganz besonders noch erwähnt, dass die städtischen Gartenanlagen in und um Erfurt sich unter dem seit einigen Jahren angestellten Gartendirektor Linne ganz ausserordentlich verschönert haben. Überall sieht man hübsche Blumenbeete, geschmackvolle Promenaden usw., wie denn auch in architektonischer Hinsicht Erfurt sich sehr verschönert hat.

 

Quelle: „Gartenflora“ 50 – 1901

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