Ich bewundere Menschen, die beobachten, zuhören und gleichzeitig noch Gedanken zu Notizen formulieren können. Das Tagwerk des guten Journalisten

Das Gespräch mit Minister Tiefensee. Thema war 20 Jahre deutsche Einheit – wann kommt die soziale Einheit. Vier Überraschungsgäste über ihre persönliche Sicht auf die Zeit nach der Wende. Vorbereitet wurde das Gespräch von der illusteren Agentur „Zum goldenen Hirschen“, moderiert von Angela Elis. Einer der überraschenden Gäste war ich – wie die anderen nicht wissend, was uns an dem Abend erwartet.
Eine Stunde vor Beginn noch ein kurzes Vorbereitungsgespräch mit Agentur und Moderatorin: vier Gäste, für jeden 15 Minuten Gesprächszeit, danach Publikumsfragen, kleiner Imbiss mit Thüringer Spezialitäten (??), Ende der Veranstaltung.

So ist der Plan. Welche Reihenfolge, welche Themen sollen angesprochen werden, ich muß noch mal aufs Klo. Ausgerechnet das vergesse ich zu fotografieren – eigentlich bin ich dort, um mir die Nase zu putzen – an Taschentücher habe ich nicht gedacht… Hände waschen, abtrocknen, die Tür geht auf.

Huch! „Guten Tag Herr Minister“.

Er grüßt freundlich und verschwindet hinter der zweiten Tür. Ich bin schon verwundert: zum einen der erste Bundespolitiker, der zu einem Termin überpünktlich erscheint und dann kein Sicherheitsmann weit und breit, der meinen Ausweis sehen wollte – aber das käme zum Bürgerdialog auch komisch.

Draußen werden alle auf die Plätze gescheucht: „er ist schon da“, man könnte glauben, Jesus würde wieder in die Stadt einziehen. Der OB ist auch da, Hände schütteln, Tiefensee ist ganz plötzlich auch schon da und sitzt an meinem Tisch. Mist. Die Überraschung mit dem Kaktus ist futsch.

Eröffnung…

Minister Wolfgang Tiefensee

Die ersten Minuten gehen die Mikrofone noch nicht…

Herr Tiefensee ist merklich sauer, das ist er wohl nicht mehr gewohnt. Im Bundestag gehen die Mikrofone wohl. Herr Hupe, der erste Gesprächsgast erzählt von seiner Arbeit als Schulleiter und der ehrenamtlichen Bettelarbeit für seine Häschen – Menschen mit Handicap. Damit meint er keine Golfer, sondern Menschen mit Behinderung. Er spricht mit sehr viel Herzblut: diese Menschen müssen auch eine Chance haben, einen Job zu finden, die Regierung muß dafür sorgen. Herr Tiefensee wiederspricht nicht direkt: es ist sowieso nicht einfach einen Job zu finden, das kann die Politik auch nicht ändern. Nach 30 Minuten gibt es noch ein schönes Abschlußstatement von Willi Hupe: es ist gut, das wir unsere Freiheit jetzt bewußt wahrnehmen können.  Das finde ich auch – wenn das nur alle so sehen könnten.

Jetzt ich. Das ich auf dem Weg zur Bühne vorgestellt werde, bekomme ich nicht mit, ich bin mit dem dicken Kaktus beschäftigt, diesen elegant auf den Bühnencouchtisch zu befördern. Im Publikum wird gekichert.1 Der Minister guckt ein bisschen skeptisch, drückt mir aber dennoch vorsichtig die Hand – man weiß ja nie.
Alle schauen mich an. Ich erzähle von unserer Zusammenarbeit mit zwei Behindertenwerkstätten. Regelmäßig machen wir kleine Aktionen, dann werden Beete und Balkonkästen mit Sukkulenten bepflanzt, das macht viel Spaß, ist aber auch sehr anstrengend. Dann geht es um den Mindestlohn – ein Steckenpferd von Tiefensee. Meine Kollegen aus dem Obstbau haben ganz schön zu knuspern. 0,27 € bekommen sie für das Kilo Sauerkirschen vom Lebensmittelhandel. Je Kilo fallen 0,24 € Lohnkosten für den Pflücker an. Mir ist selbst nicht ganz klar, wie man überhaupt von den verbleibenden 0,03 € leben kann. Kann man Verbraucher eigentlich dazu bewegen, nach dem Wert dessen zu fragen, was sie – wir – ich ja auch oft allzu achtlos verkonsumieren. Kann sowas eine Bundesregierung beeinflussen? Statt Geiz ist geil: Gemüse ist wertvoll?

Ich bin beeindruckt, für einen ganz kurzen Moment sagt er nichts. Aber dann zieht er doch gekonnt eine passende Sieben-Minuten-Antwort aus dem Register und erklärt warum Mindestlohn wichtig ist – ist ja auch nur die Untergrenze, wie das mit ALG2-Aufstockern ist – und für die Friseuse und so. Ich habe auch nicht gemerkt, das er nichts von Gärtnern gesagt hat, nur die Sauerkirschen hat er tatsächlich reinmontiert – also war es doch nicht nur ein Textbaustein 🙂

Bürgerdialog mit Wolfgang Tiefensee

Weitere Themen sind an dem Abend:

  • ein bedingungsloses Grundeinkommen – dazu noch mehr, wenn ich mein Bühnenfoto habe 🙂
  • Reichsbahnrente
  • Bodenschätze
  • Thüringer Spezialitäten (sind übrigens Rotwurst, Forellenhäppchen und Schmalzbrot mit Rotwein)
  • Journalisten, Klara und Carl Benz

TA über Bürgerdialog mit Tiefensee

Heute berichtet die Thüringer Allgemeine kurz über die Veranstaltung

  1. das war schon auf dem Weg zum Cafe Nerly der Hingucker – lauf mal im feinen Anzug durch die Fußgängerzone und trag einen Kaktus vor dir her – das bringt Aufmerksamkeit []

Über den Autor

Kaktusgärtner bei Kakteen-Haage | Website

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Kaktusgärtner aus Passion - seit 1970,

... in einer Familie von Kaktusgärtnern seit 1822

... und Gärtner in der Blumenstadt Erfurt seit 1685