CactusPodcast: Episode 002 – Wollläuse im Winter

Wollläuse – aufgestellte Nackenhaare.
Mein Name ist Ulrich Haage und heute geht es im CactusPodcast um gefährliche, muskelpumpende Watteflusen und die eine oder andere Lausegeschichte:Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen hab ich meine Runde durchs Gewächshaus gedreht. An einem Tisch hab ich kurz gestutzt: dort stand eine Gruppe Notocactus in der Sonne und die sahen ziemlich merkwürdig aus.
Es hatte allen Ernstes den Anschein als würden dort ein Rudel Watteflusen Klimmzüge an den Dornen machen. 

Wollläuse!

Das haben die ja wieder hervorragend eingefädelt! Wirklich Klasse ausgeheckt – so kurz vor den Weihnachtsferien ist das die ideale Zeit – alles ist ruhig, niemand macht nass, die Gefahr erwischt zu werden ist deutlich geringer als im Rest des Jahres. Echt pfiffig!
Aber ohne uns!
Welche Sofortmaßnamen jeder zu Hause in der Sammlung machen kann, wenn man so eine böse Überraschung entdeckt – darum geht es heute im CactusPodcast zum Thema Wollläuse – und: wie ich wie Don Quichote mit einer Zahnbürste gegen eine Moringa kämpfte.

CactusPodcast Episode 002 - Wollläuse im Winter

von Ulrich Haage | Kaktusgärtner, Blogger und Podcaster auf cactusblog.de | CactusPodcast

Für wen ist diese Episode interessant?

Kakteenfreunde, Sukkulentensammler, alle Pflanzenfreunde die ihre Pflanzen gut und möglichst verlustfrei durch den Winter bringen möchten. Die Tipps sind in unserer Kakteengärtnerei erprobt und schon für Einsteiger leicht umsetzbar – und auch für erfahrene Pflanzenfreunde sind noch wichtige Informationen dabei!

Disclaimer: 

Hier geht es unter anderem um Pflanzenschutzmittel – Fehler können Gefahren bergen. Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vor der Verwendung immer der Beipackzettel lesen, empfohlene Schutzmittel verwenden und die vorgeschriebene Konzentration einhalten! Das ist wichtig! 

Wollläuse – Teil eins der Miniserie Winterschädlinge

Vorweg: was ist eigentlich eine Miniserie?
Ganz einfach: eine Sammlung von mehreren Episoden die umfangreicheres Thema unter die Lupe nimmt. Diesmal geht es um die wichtigsten Schädlinge die uns im Winter Probleme machen und wie wir damit umgehen können. Damit falle ich für Einsteiger vielleicht ein wenig mit der Tür ins Haus – es wird demnächst auch „leichtere Themen“ und Basics geben. Versprochen!

Was sind Wollläuse?

Vor kurzem bin ich gefragt worden: „wie ist das im Moment mit den Wollläusen? Was kann ich zuhause dagegen machen?“
Und die Frage liegt auf der Hand, denn die Wollläuse kommen jetzt im Winter gerade so richtig in Fahrt – sprich: die Gefahr jetzt Wollläuse an den Pflanzen zu finden ist groß.

Die Wolllaus – lateinisch als Pseudococcidae gruppiert – wird oft auch Schmierlaus genannt, denn wenn der zornige Kaktusgärtner sie einmal mit dem Daumen erwischt, dann hinterlässt sie nur noch eine schmierige Spur. Das kommt aber selten vor, denn auf Kakteen sind Woll- oder Schmierläuse durch die Dornen gut vor Kaktusgärtnerdaumen geschützt.
Die Verwandtschaft liegt dagegen nicht so auf der Hand. Wenn ich eine Wolllaus genauer unter die Lupe nehme, dann sehe ich ein kleines weißes Wattepuschel. Eine Ähnlichkeit mit Schildläusen kann ich dabei nicht feststellen. Aber das gibt es bei den Kakteen und vielen anderen Pflanzen ja auch, dass Verwandte sich völlig unähnlich sind und Doppelgänger nicht miteinander verwandt. Nach aktuellem Erkenntnisstand gehören die Wollläuse zu den Schildläusen – und von denen gibt es insgesamt tatsächlich etwa 1.000 Arten – und das ist eine krasse Zahl! Zum Glück gibt es die nicht alle hier bei uns. Wollläuse gibt es – außer in den ganz kalten Regionen – auf der ganzen Welt – deswegen: ein Umzug wegen Läusebefall hilft nicht.

Wie erkenne ich Wollläuse?

Ganz typisch: die kleinen weißen Wattepuschel fallen zuerst ins Auge. Wenn man genau hinschaut erkennt man Antennen oder Schwanz und viele kleine Beine. Je kleiner die Wolllaus, desto schwerer ist sie zu erkennen. Bei einem Millimeter Größe braucht man schon eine gute Lupe, die großen Brocken mit bis zu 12 Millimeter machen zumindest das Erkennen leichter. Apropos weiße Watte: Wollläuse können übrigens auch grau, bräunlich, oft auch rosa gefärbt sein – und ich hab auch schon mal dunkle Streifen gesehen.
Da Wollläuse sich nur langsam, manche auch gar nicht bewegen findet man sie meist auch nach einigen Augenblicken noch am selben Ort. Der ist dafür meist gut versteckt gewählt. Bei Kakteen im besten Fall auch noch so unzugänglich wie möglich unter Dornen. Auch das ist eine Schutzmaßnahme (alle Schutzmaßnahmen der Wollläuse gibt’s weiter unten im Überblick).

Woher kommt die Wolle?

Wollläuse haben Drüsen die in denen wachsartige Fäden oder feine Schuppen ausgeschieden werden. Daraus entsteht eine Schutzschicht die wie Mehl oder ein weißer Wattebausch aussieht. Die schützt die Wolllaus vor fast allen Umweiteinflüssen – auch vor uns Menschen.

Gruppierung von Wollläusen

Meine gänzlich unwissenschaftliche und grobe Gruppierung mache ich an der Wirkung und am Wirkungsort fest.

  • Wollläuse bezeichne ich alle die ich oberirdisch antreffe – im Gegensatz dazu gibt es die:
  • Wurzelläuse – die sich unter der Erde, an den Wurzeln, im inneren des Topfes aufhalten. Außerdem kenne ich noch die Gruppe der
  • Sproßläuse – die nennen wir so, weil wir beobachtet haben, dass unter deren Gelege, meist in der Nähe vom Scheitel die Kakteen völlig untypisch zu sprossen beginnen. Ob Sproßläuse tatsächlich eine anerkannte eigenständige Tierart ist weiß ich nicht – ich hab dazu einen Beitrag mit einer langen Geschichte im Cactusblog geschrieben der immerhin von einem Fachblatt aus Mexiko zitiert wird.

Die Pflanzenschädlinge befallen gerne auch andere Kultur- und Zierpflanzen wie Orchideen, Birkenfeigen und Gummibäume.

Wolllaus im Winter

Ich hab gerade das Bild von einer flauschigen Laus im Norwegerpullover vor Augen, aber: die Kolllegen sind nicht lustig!
Im Gegenteil: Sie sind ziemlich komplex im wirken, auf verschiedene Weise geschützt und nicht so einfach zu greifen.

Woher? Wie kommen die an meine Pflanze?

Oftmals befinden sich die Schädlinge schon vor dem Kauf an der Pflanze. Aber auch der Weg über Schuhe oder Kleidung ist denkbar. Die winzigen und gut versteckten Eier sind nur mit einer Lupe zu finden – aussichtslos.
Daneben fördern

  • zu trockene Heizungsluft,
  • der ruhende Wasser-Kreislauf,
  • ein zu dunkler Standort oder 
  • Pflegefehler

den Befall mit Schildläusen. Im Winter ist es nicht immer leicht, die optimalen Bedingungen für die Pflanzen zu bieten – deswegen treten Wollläuse in der dunklen Jahreszeit besonders häufig auf.
Aber: wer jetzt an optimale Tarnung der weißen Wollläuse im Schnee denkt – Fehlanzeige! An den Kakteen draußen im Schnee, also winterharten Kakteen treten keine Wollläuse auf – das ist denen entschieden zu kalt. Das mögen die nicht.

Prävention

Was kann ich tun, damit meine Pflanzen gar nicht erst von Wollläusen befallen werden?
Alles isolieren, desinfizieren, dicht machen, nichts und niemanden reinlassen? Theoretisch eine gute Idee, klappt in der Realität aber nur selten und macht ziemlich einsam.
Bessere Möglichkeiten kommen gleich – zu Anfang der Behandlung.
Hier erstmal: was tun die Läuse, um sich sicher zu fühlen?

Schutzschilde der Wollläuse

  • Wolle – ist eine fein gesponnene Wachsschicht die sehr effektiven Schutz darstellt
  • physikalischer Schutz und auch noch
  • wasserabweisend – außer Gasen kommt da nix durch!
  • halten sich gut versteckt – an Stellen die schlecht einzusehen sind und
  • sehr gern noch unzugänglich von Dornen geschützt
 

CactusPodcast

Behandlung von Wollläusen

Was kann ich tun – wenn es passiert ist? Zuerst die Sofort- und Sicherungsmaßnahmen:

  1. Isolierung – Betroffene Pflanzen sofort von den anderen Pflanzen trennen – und zwar so lange bis kein neuer Befall mehr auftritt – also mindestens 5 Wochen!
  2. kranke Pflanzenteile entfernen (z. B. Sekundärinfektionen aber auch Blütenreste)
  3. Pflanze hell, trocken und kühl stellen, nasse Pflanzen die versehentlich gegossen wurden besser austopfen und trocknen lassen
  4. Umfeld untersuchen (Töpfe, Schalen, Unterseite, Tischbelag, Fensterritzen – besonders aber auch Nachbarpflanzen!)

Die schnelle Lösung: Alkohol

Light-Version – Spiritus und Seife für empfindliche Pflanzen:

eine Mixtur aus 15 Milliliter Spiritus, 1 Liter Wasser und 15 Milliliter Kernseife herstellen. Damit werden die Läuse besprüht.
Aber Achtung! Das ist ganz schön viel Wasser – und das kann speziell Kakteen in der Winterruhe sehr schaden, wenn die Läuse zwar tot sind, aber der Kaktus beginn zu faulen.

Dank der dicken Epidermis sind Kakteen gut geschützt vertragen auch die radikale Lösung –

Spiritus pur

Was braucht man dazu?

  • Spiritus – in einer kleine Schale (ein Eierbecher genügt vollkommen)
  • Wasser – zum reinigen danach (auch nur eine kleine Schale
  • zwei Wattestäbchen

Das Wattestäbchen in den Spiritus tauchen und dann die Wollläuse betupfen. Der Alkohol löst das schützende Gespinst sofort auf und entzieht den Wollläusen das Wasser.

Immer schön aufpassen, dass die Pflanze nicht getroffen wird, auch wenn Kakteen hart im Nehmen sind – es ist immer besser die Pflanzen schonend zu behandeln. Deswegen empfehle ich auch immer nach dem Spiritus mit Wasser zu „spülen“.
Der Spülgang aber bitte immer genau so vorsichtig wie der mit Spiritus – in der Trockenzeit sollte möglichst auch kein Wasser in die Erde kommen – also nur mit Wasser nachtupfen – immer an eine OP-Schwester denken.
Die Behandlung muß nach 5 bis 10 Tagen wiederholt werden, denn dann schlüpft die nächste Generation aus den Eiern.

Bei einem Vortrag hörte ich von der Empfehlung, „den Kaktus bei Wolllausbefall einfach für eine Stunde komplett in Spiritus zu versenken“. Ich hab das zwar nie getestet, aber bei aller Robustheit kann ich mir nicht vorstellen, dass Kakteen das aushalten.

Plan B – Pflanzenschutzmittel

Was mache ich, wenn die Invasion schon komplett ist – die Wollläuse sich in meiner Sammlung überall verbreitet haben?
Pflanzenschutzmittel können dann die letzte Rettung sein.

  1. Es gibt natürliche Mittel die zum Beispiel auf Niem-Extrakten basieren und nicht giftig sind – die wir auch in Wohnräumen anwenden können – Beispiel: Neem-Azal.
  2. Präparate die auf Öl – oder Kaliseife basieren sind ebenfalls ungiftig – allerdings besteht hier die Gefahr, das nach der Anwendung die Epidermis, Dornen oder Wolle verkleben – Beispiel: Promanal, Sommeröl, Orangenöl
  3. Pyrethrum-Mittel – die natürlichen Pyrethroide werden aus Pflanzen gewonnen und sind ungiftig. Allerdings reagieren manche Menschen allergisch darauf – Beispiel: Spruzit
  4. Homöopathie – auch das gibt es – haben wir aber noch nicht getestet – Beispiel: Sulphur C200
  5. weitere Wirkstoffe sind meist unter Chemische Pflanzenschutzmittel oder Chemische Keule zusammengefasst. Und – ja – die gibt es nicht mehr – es sind ab Februar 2020 keine weiteren Wirkstoffe mehr gegen Wollläuse zugelassen – das trifft uns übrigens genauso im Profibereich! Vielleicht denkt der eine oder andere darüber nach, sich noch eine Packung Bi 58 zu kaufen – denn mit systemisch wirkenden Mitteln wird es dann dünn.
Das gibt es künftig nicht mehr:
  • Neonicotioide (oder Neonics) wie Imidacloprid,
  • Dimethoat (Bi 58 darf aktuell nur noch bis zum 31. Januar 2020 verkauft werden, andere Handelsnamen: Perfekthion, Roxion, Rogor).
  • alte Geschichten von früher „ich hab noch ’ne Flasche E605 im Schuppen“ können richtig teuer werden! Davon sollte man aber nicht nur wegen des drohenden Bußgeldes die Finger lassen. Ich habe vor vielen Jahren, noch zur DDR-Zeit einen Container in der Hand gehabt auf dem fett DDT stand. Allein wenn ich mich daran erinnere läuft es mir kalt den Rücken runter.

Umdenken! Was funktioniert im Winter nicht?

Wichtig zu wissen: es gibt Dinge, die ticken im Winter etwas anders als im Rest des Jahres. Wer hier ein wenig aufpasst spart sich und seinen Pflanzen manchen Fehlschlag:

  • Kombipräparate oder Pflanzenschutzgranulate /-stäbchen oder -sticks – das sind Pflanzenschutzmittel, die mit Dünger kombiniert sind und so besser im Nährstoffkreislauf transportiert werden sollen, die Erde ist trocken, der Wirkstoff kann nicht transportiert werden, denn im Winter ruht der Kreislauf und der Dünger (meist Stickstoff) könnte eher Schaden anrichten, für
  • systemisch wirkende Pflanzenschutzmittel gilt das ähnlich – nur systemische Mittel mit Gasphase behalten ihre Wirksamkeit
  • warum fehlen hier die Nützlinge? – ganz einfach: im Winterquartier ist es zu kühl, um Nützlingen in Fresslust zu bringen – selbst wenn die Sonne bei uns im Gewächshaus schnell mal 32° C macht und die Marienkäfer etwas benommen herumtappen – nachts wird es wieder kalt – und Larven – die die eigentliche Arbeit machen – sind im Winter nicht da

Was muß ich bei der Behandlung beachten?

  • bei den Hausmitteln wie auch beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – im Winter so wenig Wassereinsatz wie möglich – ein Spray macht die Pflanze weniger nass und ist jetzt die bessere Wahl
  • vor der Behandlung Beipackzettel lesen – immer! Das müssen auch wir Profis tun
  • Kombipräparate oder Sticks mit Dünger die in die Erde eingearbeitet oder gesteckt werden haben im Winter nur eine geringe Wirkung, weil der Kreislauf in Ruhe ist
  • Wiederholung ist wichtig! Die Eier der Wollläuse sind meist versteckt und wir erwischen sie nur selten. Darum muß die Behandlung nach 5-10 Tagen wiederholt werden – egal welche Methode wir wählen
  • Wollläuse kommen manchmal in Wellen! Es passiert schon mal, dass nach einer Behandlung der Zauber scheinbar schlagartig vorbei ist. Das kann trügerisch sein! Jetzt wachsam bleiben – denn oft verstecken sich die Wollläuse nur und tauchen nach sechs Wochen massiv wieder auf – deswegen:
  • aufmerksam auch das Drumherum unter die Lupe nehmen – Wollläuse sind sehr kreative Versteck-Spieler und überdauern gern auch im Fenster, im schmalen Topfrand oder unter dem Tisch

 

Zusammenfassung – was muß ich zu Wollläusen wissen? 

  • was sind Wollläuse, wie kann ich sie erkennen: weiß, wollig, gut versteckt
  • worauf muß ich achten: neue Pflanzen genau untersuchen, Kali-Abschlußdüngung im Herbst macht die Zellwände wiederstandfähiger
  • Quarantäne Bedingung: frische Luft, kühl, kein Wasser, heller Standort
  • Behandlung: frühzeitig, wenig Wasser verwenden (Spray)
  • Wiederholung: um auch die nächste, frisch geschlüpfte Generation aus den Eiern vor der Ausbreitung zu erwischen

Meine Don Quichote-Story verschiebe ich auf die nächste Episode über Wollläuse – die wird ja nicht schlechter davon.

Es ist der 29. Dezember 2019, Sternzeit 23:06 Uhr – und bald beginnt ein neues Jahr – und neue Themen im CactusPodcast. 
Der Cactuspodcast kommt wieder mit der Episode 03 zum Thema Spinnmilben – andere kleine böse Biester – und Teil zwei der Miniserie zum Thema Winterschädlinge. 

Wir hören uns!
 

Shownotes zum CactusPodcast Episode 002 – Thema Wollläuse:

Alle Links und weiterführende Informationen hier noch einmal auf einen Blick:
 
  • Wikipedia über die Wollläuse – der Inhalt findet sich übrigens häufig auch an anderen Stellen in Netz
  • Sproßläuse – eine ziemlich spezielle Wolllaus, und warum wir die suchen – ein älterer Artikel hier im cactusblog
  • ISIP Pflanzenschutz Infodienst – welche Pflanzenschutzmittel sind für Hobbygärtner zugelassen
  • Hausmittel und Homöopathie im Einsatz gegen Wollläuse – auch das soll wirken – haben wir aber noch nicht probiert

 

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