Erdbeerkaktus und Co – CactusPodcast – 017

Ein ungewöhnlich gefärbter Kaktus und seine ebenso überraschende wie ungewöhnliche Geschichte

Heute geht es um Obst. 
Und einen Kaktus, der eine strahlende Vergangenheit hat und heute – eigentlich zu Unrecht kaum noch ernst genommen wird. 
Es gibt ihn in Rot, Gelb, Rosa, Orange, Violett, Gelblich-grün, Schwarz – und angeblich sogar in Weiß.
 
Und noch etwas besonderes: die ganze Episode gibt es auf Wunsch Frederik Wietbrok [FW] aus der CactusPodcast Community.
Wir haben heute sozusagen eine komplette „Frag den Kaktusgärtner-Episode“

Der Erdbeerkaktus - und seine durchaus überraschende und ungewöhnliche Geschichte

von Ulrich Haage | CactusPodcast - Pflanzengeschichten

Erdbeerkaktus

Wer mit dem Begriff Erdbeerkaktus nix anfangen kann – vielleicht hilft ja Gymnocalycium mihanovichii. 
Nicht?
Ich hab mal nachgeschaut: nicht Wikipedia, nein, t-online macht jetzt auch auf Nachschlagewerk – und dort steht:
 
Erdbeerkaktus
Der Gymnocalycium mihanovichii ist ein Kakteengewächs, das als Pfröpfling auf einem Wirtskaktus wächst. Mit ihrem üppigen, rot leuchtenden Körper und den weißen Dornen erinnert die umgangssprachlich Erdbeerkaktus genannte Pflanze an die beliebte Sommerfrucht.
Bei uns in der Gärtnerei erleben wir regelmäßig dieses „Gespräch“:
 
„Omaaaa! Den da will ich haben!“ 
 
Und dann steuert ein Kind zielstrebig im Gewächshaus zum Tisch mit den bunten Veredelten Gymnocalycium mihanovicii.
 
Jetzt wird es lateinisch, deswegen noch mal kurz: Was ist das? 
 
Das Epitheton der Art ehrt den aus Kroatien stammenden argentinischen Reeder und Mäzen Nicolás Mihanovich (1881–1940), der die Reisen des tschechischen Kakteenspezialisten Alberto Vojtěch Frič in Paraguay unterstützte.
Gymnocalycium mihanovichii ist in Paraguay und im Nordosten Argentiniens verbreitet und wächst in Tieflagen bis 500 Meter. Die Art wurde dort 1903 durch Alberto Vojtěch Frič entdeckt.
Auch mein Großvater hat Fric und seine Reisen unterstützt und war mit ihm befreundet – vermutlich einer der Gründe, weswegen es die Pflanze auch kurz darauf in unseren Gewächshäusern lebte.
 

Wie entsteht so ein roter Kaktus? 

[FW]: Selektion nach Farben über mehrere Generationen? 
Das muss ja generativ geschehen, wobei die farbigen Gymnocalcium mihanovichii ja auch nicht viele Samen bringen, wenn überhaupt, oder?
Wobei meine normalen Gymnocalcium mihanovichii und friedrichii sind weder gelb, rot, oder grün. Noch nicht mal im Anschein und noch nicht mal ein bisschen.
Wie komme ich also auf die Idee, dass daraus durch Selektion mal rote, gelbe, grüne Kakteen werden? Wenn ich nicht wüsste, dass der Erdbeerkaktus ein Verwandter wäre… 
Stimmt – das ist einfach zweierlei – die bunten und die „echten“ G. mihanovichii – auch wenn es im Grunde dieselbe Pflanze ist.
Die ersten roten mihanovicii kamen aus Japan. 
Und das ist eine Geschichte, die hat auch mit unserer Familie zu tun:
 

CactusPodcast


Wo der Erdbeerkaktus herkommt

Mein Urgroßvater hat – vermutlich in den 1920er Jahren – an einen Kunden in Japan Samen von G. mihanovichii geschickt. In unseren Aufzeichnungen fand ich die Angabe 42.000 Korn – also eine ganz schöne Menge.
Mr. Eiji Watanabe entdeckte bei der Aussaat ein paar Sämlinge, die sich in der Farbe von der Masse abhoben – weil sie ziemlich knallrot geleuchtet haben. 
Es ist nicht überliefert, ob Mr. Watanabe bewusst war, was er in seiner Aussaat gefunden hat. Es ist aber sehr wahrscheinlich, weil er offenbar sofort richtig geschaltet und hat seinen Fund richtig eingeschätzt. Heute wissen wir: die roten Sämlinge hatten Chlorophyll-Defekte. Deswegen sind die Pflanzen auch nicht grün, oder braun, sondern der rote Zellfarbstoff wird sichtbar und deswegen können die Pflanzen ohne Hilfe auch keine Photosynthese durchführen. 
Man kann sagen: je leuchtender die Farbe, desto weniger lebensfähig ist die Pflanze. Die Kakteen können nur überleben, wenn sie veredelt werden (man sagt dazu auch gepfropft). Dazu wird beim Sämling die Wurzel und ein kleines Stückchen von der Pflanze abgeschnitten und auf einen passenden anderen entspitzten Kaktus aufgesetzt. Die Pflanzen wachsen nach einigen Wochen zusammen und damit ist das Überleben unseres roten Gymnocalycium gesichert.
Das wird bis heute so gemacht – und beantwortet gleich auch die nächste Frage: 
[FW]: Mir scheinen die farbigen Exemplare bei uns immer nur veredelt angeboten zu werden.

Je bunter desto weniger fit

Korrekt, denn ohne Chlorophyll keine Photosynthese, ohne Photosynthese kein Leben in Pflanzen – Chlorophyll ist der grüne Zellfarbstoff. Der Grund weshalb (fast) alle Pflanzen mehr oder minder grün sind.
Und das erklärt vielleicht auch, warum es die ganzen anderen Farben gibt, die wir in der Natur kaum finden. Gelb, pink, violett bis fast schwarz. – Alles Auslesen die in den vergangenen fast 100 Jahren gemacht wurden. Denn manchmal wird behauptet, es handelt sich bei den Pflanzen um Mutationen aufgrund radioaktiver Bestrahlung in Rußland. 
Fakt ist: bis heute ist unklar, was diese Veränderungen in Pflanzen auslösen – darüber haben sich viele Kakteenliebhaber und auch Wissenschaftler schon den Kopf zerbrochen und Versuche gemacht.
 
[FW]: Bei den Thai Gymnos scheint es die auch wurzelecht zu geben. Haben die besseres Wetter, oder woran liegt das?
Da scheint es davon ja auch Samen zu geben.
Also doch alles wurzelecht möglich? Bei Thai Wetter?
 
Schöne bunte Bilder von sogenannten "Gymnocalycium-Thai-Hybriden"

Schöne bunte Bilder von sogenannten „Gymnocalycium-Thai-Hybriden“ auf dem Kakteen-Haage Pinterest Account

 

 

Erdbeerkaktus – Thai-Hybriden?

Auch das stimmt – jetzt wird es kompliziert – aber das ist nicht wirklich eine dritte Variante. Hier gibt es einfach mehrere Erklärungen:
  1. Die Pflanzen haben keinen Defekt, sondern sind in meinen Augen einfach besonders schön gefärbt und dann fotografiert. Das beobachte ich bei uns im Gewächshaus auch immer wieder: ich entdecke eine Pflanze mit außergewöhnlich ausgeprägten Eigenschaften und denke: Donnerwetter – was für eine Rarität! Und wenn ich später nachschaue, dann finde ich die Pflanze zwar wieder, bin aber schon oft enttäuscht gewesen, dass sich die außergewöhnlichen Eigenschaften nicht dauerhaft erhalten haben. 
  2. Aber: diese Eigenschaften lassen sich natürlich verstärken. Und das geht so: 
    Ein Züchter würde diese Pflanzen sofort extra halten und miteinander kreuzen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die gewünschten Eigenschaften in den Nachkommen häufiger, stabiler und intensiver auftreten – das ist aber ein sehr langer Weg, den ich durchaus für glaubhaft halte. Ich habe vor einigen Jahren bei einem italienischen Züchter wirklich atemberaubende Euphorbia-Hybriden entdeckt – die Farben waren ähnlich atemberaubend wie die bei den Gymocalycium – und ich erwarte nicht, sie in den nächsten Monaten auf dem Markt zu finden – weil zu solchen Auslesen eben ein langer Weg führt der einiges an Geduld braucht.
  3. Wer sich die Pflanzen genauer betrachtet wird feststellen, häufig finden sich hier typische Eigenschaften, die auch am klassischen roten Erdbeerkaktus zu sehen sind – deswegen vermute ich, diese Pflanzen sind hier mit eingekreuzt, aber die Chlorophylldefekte sind so gering, dass die Pflanzen noch überleben ohne gepfropft werden zu müssen
  4. auch Photoshop könnte an manchen Schönheiten beteiligt sein
  5. Thai-Wetter würde ich den Faktor nicht nennen – ich hatte in Thailand das Gefühl, es ist nicht so ganz leicht, in diesem Klima Kakteen gesund zu erhalten.
    Aber ich hab die Beobachtung gemacht: in Thailand gibt es sehr viele fleißige und geschickte Kultivateure und denen traue ich einiges zu – auch die Geduld und den langen Atem der nötig ist, um solche außergewöhnlichen Pflanzen zu ziehen.
  6. Info der Vollständigkeit halber: Samen von roten oder andersfarbigen G. mihanovicii bringen in den meisten Fällen wieder den normalen braunen Pflanzen – sozusagen ein Rückfall in den Ursprung

 

Der Erdbeerkaktus und die Pflege

So beliebt und trivial die Pflanze ist – im Speziellen als Mitbringsel oder Geschenk an Kinder – so knifflig kann es werden – denn: 
die zwei ursprünglichen Pflanzen haben ziemlich diametrale Vorstellungen von einem schönen Lebensraum. 
Und das kommt so: 
 
Das Gymnocalycium – ein klassischer Kaktus, ist in Regionen zwischen 100 und 500 Metern Höhe in Paraguay und Argentinien zu Hause und lebt dort meist etwas geschützt auf Wiesen unter Büschen oder Sträuchern. Im Winter braucht er eine kühle und trockene Ruhezeit.
Hylocereus ist in feuchten und warmen Nebelwäldern zu Hause und klettert meist in Bäumen. Wenn ihm zu kalt wird beginnt er schnell zu faulen. 
Beide Pflanzen werden „geënt“ – wie unsere Gärtnerkollegen in Holland zum pfropfen sagen – vereinigt würde ich es übersetzen. Und das ist eben ein ungleiches Paar was wir zusammenzwingen. Einer der Gründe weswegen die Unterlage, oder der rote Pfröpfling sich oft vor der Zeit verkümmeln, wenn man nicht weiß, dass hier ein Mittelweg die einzige Überlebenschance ist.
Express-Kakteen
Und noch etwas sollte man wissen: veredelte Pflanzen leben auf der Überholspur. Sie wachsen schneller und sind dann aber auch eher tot. 
Deswegen kann es passieren, dass die Pflanzen schnell größer werden oder sehr üppig Kindeln. 
Die Kindel kann man natürlich abnehmen – aber man kann sie nicht einfach wie andere Kakteen auf Erde setzen und auf Wurzeln hoffen – ohne Pfropfung geht da leider nichts. Im Kakteenforum habe ich dazu einen ganz spannenden Thread gefunden der ausführlich erklärt, wie man seinen Erdbeerkaktus selbst vermehren kann: https://www.kakteenforum.de/showthread.php?59561-Erdbeerkaktus-selbst-machen
Dort gibt es übrigens auch Vorschläge für besser geeignete Unterlagen, mit denen die Lebensdauer der Pflanze etwas besser aussieht.

Namen 

Erdbeerkaktus kennen wir schon. Rotkäppchen finde ich total niedlich. Die anderen Farbvarianten heißen übrigens auch in Gelb noch Erdbeerkaktus. 
Aber: gleich daneben gibt es noch den Bananenkaktus – und der ist eigentlich ein Erdnusskaktus – denn der länglich wachsende gelbe Chamaecereus heißt im englischen Peanut cactus. 
Der Erdbeerkaktus wird im englischen Sprachraum dagegen als Moon cactus bezeichnet – das hat nichts mit dem Hylocereus, der Unterlage zu tun. Und es gibt noch mehr Namen: Ruby Ball, Red Cap, Red Hibotan oder Hibotan cactus – die letzten beiden Namen stammen aus dem japanischen.
 
Einen Namen, den ich noch nicht kannte, hab ich bei der Recherche in der Fotocommunity gefunden – und ein wunderbares Foto eines völlig abgefahrenen Erdbeerkaktus der hier Cactus fragum genannt wird – Tipp: dafür lohnt es sich mal im cactusblog vorbeizuschauen – oder in der FB Community.

Erdbeerkaktus

 

 
Zusammenfassung – die wichtigsten Punkte
 
1. der Erdbeerkaktus ist eine Auslese von Pflanzen denen das Chlorophyll fehlt, deswegen sehen sie rot aus
2. der Erdbeerkaktus besteht eigentlich aus zwei Pflanzen, denn ohne eine Unterlage kann er sich nicht ernähren
3. die sogenannten Gymnocalycium Thai-Hybriden haben ausreichend Chlorophyll und können sich deswegen auf eigener Wurzel ernähren

Fragen:

wie ist das bei Euch?

  • Wann ist euch euer erster Erdbeerkaktus begegnet?
  • Wie lange hat der gelebt? 
Habt Ihr Fragen zum Erdbeerkaktus oder eigene Erfahrungen?
Dann schreibt mir:
Schreibt mir: Facebook CactusPodcast Community  oder Mail ins Studio – studio@cactuspodcast.de
 

Was kommt als nächstes?

Der Cactuspodcast kommt wieder mit der Episode 018 – worüber … 
das nächste Thema kündige ich wie immer in der Facebook CactusPodcast Community an. 
 
Habt Ihr Fragen?
Welche Themen soll ich mir in den kommenden Episode vornehmen?
 
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Bleibt weiter gesund da draußen! 

Shownotes:

Wissen über Erdbeerkakteen

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Der Erdbeerkaktus - CactusPodcast 017

Über den Autor

Kaktusgärtner bei | Website

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Blogger seit 2005,

Kaktusgärtner aus Passion - seit 1970,

... in einer Familie von Kaktusgärtnern seit 1822

... und Gärtner in der Blumenstadt Erfurt seit 1685