So war das mit den Kakteenleuten vor inzwischen über 105 Jahren:

Es ist mir immer eine sehr angenehme Beschäftigung gewesen, wenn ich mich im Frühjahr oder im Sommer nach einer der grossen Kakteenhandlungen begeben konnte, um meine Sammlung durch Erwerb einiger neuer Pflanzen zu vervollständigen. Man bekommt dabei viel Schönes zu sehen und empfängt manche wertvolle Anregung. Die Kakteen sind dort meist frei in langen Kästen ausgepflanzt, gedeihen bei diesem Kulturverfahren recht üppig und machen so auch ihrem Pfleger die geringste Arbeit. Leider sind die meisten Liebhaber nicht in der Lage, ihre erworbenen Pflanzen in dieser Weise weiterzukultivieren, denn bei räumlicher Beschränktheit müssen die Kakteen eingetopft werden, was eine mehr oder weniger grosse Stockung in ihrer Vegetation hervorruft. Haben sich im freien Lande die Wurzeln der betreffenden Pflanze nicht sehr ausgedehnt, sondern nehmen nur einen massigen Raum ein, so macht das Eintopfen wenig Schwierigkeiten, und die Störung, die das Wachstum erleidet, wird meist bald überwunden werden. Häufig machen aber die ausgepflanzten Kakteen im Verhältnis zu ihrem Körper gewaltige Wurzeln, die natürlich viel Raum beanspruchen, d. h. einen grösseren Topf brauchen, und das Einsetzen auch sehr erschweren. Ihr neuer Besitzer muss ja dabei immer bedenken, dass ein Kaktus keine grossen Gefässe für seine Wurzeln liebt, sondern nur einen Topf, in den dieselben gerade hineinpassen. Ist nun das Einpflanzen auch ganz vorschriftsmässig geschehen, so wird doch oft der Fall eintreten, dass ein solches Exemplar sich recht schwierig in der Kultur zeigt, gar nicht wächst und seinem Pfleger keine Freude bereitet. Es ist eben ein Missverhältnis eingetreten, die grosse Wurzel und der kleine Körper passten wohl in freier Erde zusammen, aber nicht im Topf; hier kann die Pflanze lange nicht soviel Nährstoff aufnehmen wie draussen im Kasten, sie kann sozusagen von ihrer grossen Wurzel keinen rechten Gebrauch machen. Das Beste wäre jedenfalls, wenn die Kakteenhändler eine grössere Anzahl von ihren Pflanzen gleich in Töpfen kultivierten, dann fielen die grössten Schwierigkeiten für den Käufer fort, und es wäre nur die Störung durch den Platzwechsel zu überwinden. Dies anzuregen ist der Zweck dieser Zeilen, Für die Zimmerkultur sind neben vielen Phyllokaktus-Hybriden, die kletternden Cereen, namentlich die Königin-der-Nacht-Arten, recht sonnige Lage vorausgesetzt, die dankbarsten Gewächse. Von diesen werden am meisten Cereus grandiflorus und C. nycticailis kultiviert, namentlich der letztere, und zwar mit Recht, denn C. nycticalus ist

überhaupt eine der besten Zimmerpflanzen, die es gibt. Bei leidlichem Sommerwetter entfaltet er fast immer am sonnigen Stubenfenster seine herrlichen Blüten, während C. grandiflorus an die Witterung grössere Ansprüche stellt; er verlangt einen heissen und beständigen Sommer, um im Zimmer zu blühen. Im Freien, z. B. auf einem südlich gelegenen Blumenbrett, ist es viel schwerer, diese tropischen Pflanzen zum Blühen zu bringen, weil in unserm Klima sich dort die Temperaturunterschiede viel bemerkbarer machen als im Zimmer, wo einige kalte Tage deshalb viel leichter überwunden werden als draussen. Nur einmal, in dem heissen und sehr sonnigen Sommer 1904, habe ich es erlebt, dass sogar C. grandiflorus auf einem Balkon in geschützter Lage seine Blume entfaltete, ein Ereignis, worauf man an solchem Ort nie rechnen kann. Anders ist es aber mit dem Wachstum dieser Cereen. Genügt auch eine Aufstellung jahraus jahrein im Zimmer für diese Pflanzen, um sie ordentlich treiben und blühen zu lassen, so entwickeln sich diese Arten doch ganz anders, wenn sie einen Sommer hindurch im Freien stehen können. Ihre Triebe werden hier viel stärker, die Bestachelung viel kräftiger; das geht so weit, dass man solche Pflanzen als andere Arten ansprechen möchte. Wem also daran liegt, besonders kräftige Exemplare zu erzielen, der wechsele mit dem Standort ab, einen Sommer im Freien zum Treiben, den nächsten im Zimmer zum Blühen. Ein solches Kulturverfahren bei diesen Cereen ist meiner Ansicht nach das vorteilhafteste, zumal sehr kräftige Pflanzen nachher auch im Zimmer viel leichter einen reichen Blumenflor bringen werden.

THOMAS.

Aus „Gartenwelt“ 1904

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