Ort: ICE, Großraumabteil mit Blick durch die Glasfront auf „Foyer“ und die große Behindertentoilette mit Automatiktür
In Berlin war ein Herr mit langen Haaren und Zottelbart zugestiegen den man eher mit Flasche in Papiertüte auf der Parkbank erwartet denn im ICE. Er hatte es sich im „Foyer“ des Wagens gemütlich gemacht und nippte immer mal an seinem Rotwein-Tetra-Pak. Mit dem Fahrkartenkontrolleur (Zugbegleiter) unterhielt er sich englisch und studierte die „Herald Tribune“ vom Vortag.
Irgendwann plagte ihn ein menschliches Bedürfnis und er suchte die Toilette auf. Zur Toilette ist es vielleicht wichtig zu wissen, die seehr große halbrunde Schiebetür öffnet praktisch eine Breitseite des gesamten Toilettenraumes, was das Befahren mit dem Rollstuhl sehr bequem macht. Die Tür öffnet sich auf Knopfdruck und schließt sich darauf wieder selbsttätig. Um die Privatsphäre zu wahren befindet sich auf der Innenseite des Raumes ein großer rot blinkender Button zur Verriegelung und der auch den äußeren Button auf rot schaltet. Dieses Konzept erschien dem Erfinder wohl schlüssig und wer es einmal durchschaut hat kommt sicher damit klar. Ich habe aber diverse Mamas mit Kindern kopfkratzend die Tür mehrfach durchschreiten gesehen die dann kopfschüttelnd hinter der Nachbartoilettentür verschwanden.

Unser Reisender aus dem Vereinigten Königreich schien mir diesbezüglich sehr pragmatisch und zielstrebig. Die Tür schloß sich hinter ihm.

Eine Minute später kam ein Herr aus Japan durchs Abteil geschritten – im feinen Zwirn, sehr konservativ gekleidet. Er steuerte direkt auf die große Tür zu. Der Türöffner leuchtete grün und begann nach Betätigung sofort seine Tätigkeit. Die Tür schob sich langsam aber unaufhaltsam zurück. In der Sekunde als der Japaner voller Entsetzen einen Satz rückwärts floh, dämmerte mir, was sich dort gerade abspielte. Ein heruntergekommener Brite im Freien auf der einen, ein in seinem tiefsten Schamgefühl berührter Japaner auf der anderen Seite. Letzterer bearbeitete wild mit letzter Hoffnung den Türöffner, doch der öffnet nur, wie der Name sagt. Der Knopf zum schließen befindet sich auf der Innenseite. Von dem einen – an die Keramik gefesselten gut 150 cm entfernt, den anderen fesselt das Schamgefühl noch einmal im Gesichtskreis des anderen zu erscheinen. Das zeigte seine verzweifelte Gestik deutlich. Immer wieder die Hand vor Mund und Augen und die Tür wollte sich einfach nicht wieder schließen. Richtig wohl war mir selbst auch nicht dabei. Was, wenn nun ein weiterer Toilettenanwärter sich nährte, ganz und gar aus entgegengesetzter Richtung, die der Japaner nicht beeinflussen konnte, wenigstens nicht ohne wieder ins Blickfeld des festsitzenden Briten zu geraten. Und wie sollte er einem Dritten signalisierend begegnen – wenn dieser vielleicht nicht einmal seine Sprache versteht. Eine ungemütlich peinliche Situation – und die Türe rührt sich weiter keinen Millimeter.

Ich überlege mir schon einen Notfallplan, wie ich die beiden „rette“, falls sich jemand von gegenüber nähren sollte, als der Brite wieder in der Toilettentür erscheint. Er schließt sich dort öffentlich die Hose und läßt sich um die Ecke wieder auf seiner Tasche nieder.

Der Japaner hat sich abgewandt und studiert intensiv das Display mit der Bahnwerbung. Er geht einige Schritte in den nächsten Wagen und kommt später im großen Bogen um die Toilettentür zurück. Die Anlaufstelle ist ihm wohl gründlich vergangen.

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