Cactusblog

Aus dem Leben eines Kaktusgärtners

Alte und älteste Versandhäuser in Deutschland

| 3 Kommentare

Kürzlich habe ich bei Gärtner Pötschke reingeschaut und stolpere dort den Sloagen:

Gärtner Pötschke - fünftältestes Versandhaus„Fünft-ältestestes Versandhaus in Deutschland.“

Spannend! ‚Wer ist denn da noch alles auf der Liste‘, frage ich mich. ‚Und wo stehen wir als Kakteen-Haage‘?

Ein Ranking mit weiteren Einträgen kann ich nicht finden, aber dafür diverse älteste Versandhäuser im weiten Web.
Wobei der Begriff ÄLTESTES Versandhaus naheliegenderweise nur einem gebühren kann… auch wenn es gleich mehrere für sich reklamieren.

Hier eine unvollständige Übersicht und vorläufige Rechercheliste ohne ein Fazit:

Die ältesten Versandhäuser in Deutschland

  • 1658 Dr. Albert Bernard (Apotheke, kein Versand mehr)
  • 1770 Franz Anton Haage (Gärtnerei, nicht mehr existent, Gründungsdatum unsicher)
  • 1784 J. Platz (Gärtnerei, nicht mehr aktiv)
  • 1820 C. Schickler Pflanzen und Samen, Stuttgart (später W. Pfitzer, nicht mehr aktiv)
  • 1822 Friedrich Adolph Haage (Kakteen-Haage)
  • 1848 F. C. Heinemann Erfurt (Gärtnerei, nicht mehr aktiv)
  • 1851 W. Pfitzer, Fellbach (Gärtnerei, nicht mehr aktiv)
  • 1867 N. L. Chrestensen, Erfurt (Gärtnerei)
  • 1870 Mey & Edlich (heute Walbusch)
  • 1884 Kettner International (Waffen, Jagdausrüstung)
  • 1890 August Stukenbrok Einbeck, ASTE, (nicht mehr aktiv)
  • 1895 Ludwig Weigelt (Gärtnerei, Samenversand, Erfurt, heute Walluf)
  • 1906 Briefmarkenfachhandlung Richard Borek (1893)
  • 1907 Witt Weiden (Textilienversand, heute Otto)
  • 1912 Gärtner Pötschke (Gartenversand)
  • 1927 Quelle (nicht mehr aktiv)
  • 1949 Otto Versand (Schuhe, später Lederwaren, Vollsortiment)

Noch älter ist: Aldus Manutius aus Venedig (1498)

Die ältesten Versandhäuser im Detail

Dr. Albert Bernard – Erstes und ältestes Medizinisches Versandhaus (* 1658)

Albert Bernard Nachf.Die Rechnung der Einhorn-Apotheke stammt aus dem Jahr 1912. Dreizehn Jahre später gibt es eine Grosso-Preisliste aus dem

Ersten und ältesten Medizinischen Versandhaus. Drogen u. Chemikalien- Großhandlung. Ampullen-, Tabletten-, u. Gelatinekapselfabrik. Grosshandel-Export
Berlin, Selbstverlag, 1925. 111

Noch heute ist in Berlin der Dr. Albert Bernard, pharmazeutischer Großhandel oHG ansässig, HRA 13477

Brüsseler Str. 1
13353 Berlin

Telefon: (030) 45478229

Auch mindestens zwei Einhorn-Apotheken gibt es noch in Berlin. Keine der genannten Firmen scheint heute noch einen Versandhandel zu betreiben, sonst hätten wir in jedem Fall einen Rekordhalter. Das Gründungsdatum straft alle Lügen, die meinen, im 20. Jahrhundert den Versandhandel erfunden zu haben.

Gleichwohl habe ich noch keinen Beleg über eine wirkliche Versandtätigkeit vor 1912 finden können. Nach meinen bisherigen Literaturstudien ist es nicht immer einfach, denn Kataloge galten auch in ihren frühen Jahren wie heute als Wegwerfprodukt. Selbst heute kommt es vor, dass beim Aufbinden historischer Zeitschriften von Archiven die Anzeigen ausgesondert und verworfen werden.

Quelle *1927

… eines der jüngsten „ältesten Versandhäuser“ in Deutschland

Quelle Katalog1923 Gustav Schickedanz gründet eine Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren in Fürth/Bayern, am 26.10.1927 wird die „Quelle“ als Versandhaus gegründet.

Quelle wird von Dritten hin und wieder als das älteste Versandhaus Deutschlands benannt, in eigenen Publikationen besann man sich manchmal der eigenen Tradition, der Superlativ „Ältestes Versandhaus“ fällt indes nicht. Leider ist die Geschichte der Quelle – dem größten der alten Versandhäuser – inzwischen ebenfalls Geschichte. Daran ändert die partielle Reanimation von Filetstückchen unter Otto & Co auch nichts.

Gärtner Pötschke *1912

Harry Pötschke gründet in Mörsdorf in Thüringen eine Gärtnerei zur Saatgutproduktion. Der Absatz erfolgt anfangs über Sammelbesteller.

Gärtner PötschkeDEN Gärtner Pötschke – der oft genug als Sinnbild für den Gärtnerberuf als gemütlichen Mann mit Schubkarre und Strohhut herhalten durfte – hat der Sohn des Firmengründers – Werner Pötschke mit 19 Jahren erfunden1.

Sehr spannend ist die Geschichte der Gärtnerfamilie zu lesen.

 

Wann der erste Versandkatalog erschienen ist habe ich noch nicht abschließend recherchiert. Als gesichert kann aber gelten: der Pötschke Katalog und seine diversen Spezialkollegen haben bei den Gartenfreunden eine ganz massive Marktdurchdringung erreicht und ist heute sicher in nahezu jeder Gartenlaube zu finden.

Witt Weiden * 1907

Witt Weiden wurde im Jahr 1907 durch Josef Witt (* 1884) gegründet. Josef Witt gilt als Pionier des Versandhandels, denn er baute den kleinen Kolonialwarenladen in Reuth bei Erbendorf, den er im Jahre 1907 von seiner Schwester übernahm, zu Deutschlands führendem Versandhaus aus. (Wikipedia)

Witt Weiden gilt als das älteste textile Versandhaus Deutschlands und hatte zu seinen besten Zeiten bis zu 5.000 Mitarbeiter. Heute ist Witt Weiden eine Otto Tochter.

Briefmarkenfachhandlung Richard Borek * 1906 (1893)

Quelle, Neckermann oder Otto – das sind große Namen im deutschen Versandhandel. Doch das älteste Versandhaus Deutschlands ist die Braunschweiger Briefmarkenfachhandlung Richard Borek….

1893. Der 19-jährige Richard Borek befestigt mit zwei Nägeln und einem Bindfaden an der Nebentür des väterlichen Hutgeschäfts einen Bogen mit Briefmarken. Er will sie verkaufen für etwa 2 bis 3 Mark. Das war die unspektakuläre Gründung eines Unternehmens, das mittlerweile unter Philatelisten Weltgeltung besitzt. 1906 verschickte der Firmengründer seine erste Angebotsliste. Das Versandhaus war geboren.

… schreibt Ralph-Herbert Meyer in der Braunschweiger Zeitung

Richard Borek ist ebenfalls sehr bekannt durch den Münzversand MDM (1970 gegründet)

Wikipedia äußert sich dazu so:

Die Richard Borek Unternehmensgruppe in Braunschweig ist eines der ältesten Versandhäuser Deutschlands (seit 1906)

August Stukenbrok Einbeck (ASTE) *1890

Als erster Versandhändler in Deutschland gilt August Stukenbrok Einbeck (ASTE) der 1888 in Einbeck einen Fahrradversandhandel betrieb. … (Zitat Wikipedia zum Stichwort Versandhandel)

August Stukenbrok Einbeck

Das Gründungsdatum wird vom Insider Erich Plümer im Vorwort zum Reprint des 1912er Kataloges mit 1890 angegeben. Stukenbrok gelingt es, mit Fahrrädern und Zubehör unzählige Kunden im Versand zu erreichen. Der Katalog erscheint bald in Millionenauflage. Vergleichbares wurde Jahrzehnte später erst durch die Textilbranche erreicht. Zu der Zeit waren die umfangreichen Kataloge aus Einbeck schon Geschichte – ASTE konnte sich von den Folgen der Weltwirtschaftskrise nicht mehr erholen und ging 1931 in Insolvenz.

Mey & Edlich *1870

Mey & Edlich mit Sitz in Leipzig. ‚Gegründet 1870, gilt es  als ältestes Versandhaus im Lande‘.

1870: Ernst Mey entdeckt auf einer seiner Reisen den abknöpfbaren Kragen, der längst internationale Erfolge feiert. Er erwirbt das Patent, überzeugt seinen Geschäftspartner Edlich und macht den selbst produzierten Kragen seinen Kunden über einen intelligenten Weg zugänglich – per Post. Und so wird Mey & Edlich 1870 in Leipzig gegründet zum ersten deutschen Versender.

(Zitat von der Mey & Edlich Webseite)

2004 wurde die Firma insolvent – zu der Zeit mit 20 Läden. Im Jahr 2005 übernimmt Waldbusch die Marke Mey & Edlich und verkauft unter diesem Namen schicke Herrenbekleidung.

N. L. Chrestensen *1867

Der junge Däne Nils Lund Christensen kommt nach Erfurt und gründet wenig später eine Handlung für Blumengestecke, Sämereien und Festartikel. Mit seinen Bürgerbrief wird er nebst seinen Nachfahren unfreiwillig in Chrestensen umbenannt.

Auch N. L. Chrestensen wird von Dritten gern als der älteste Gartenversender bezeichnet. In der Tat ist das Erfurter Traditionsunternehmen heute einer der wenigen Saatgutspezialisten in Deutschland und verschickt unter www.gartenversandhaus.de Sämereien, Pflanzen und Gartenartikel an Pflanzenliebhaber und Hobbygärtner in Deutschland und an Profis in ganz Europa. Ein Teil des Saatgutes stammt aus eigener Produktion, dafür wird ein eigenes Zuchtprogramm unterhalten.

Weitere Versandgärtnereien in Deutschland waren: Pfitzer,  J. C. Schmidt, Ernst Benary, Ludwig Weigelt und …

Kakteen-Haage – Friedrich Adolph Haage und Vorfahren ~ 1660

Die Familien Haage kann auf gärtnerische Wurzeln bis 1660 zurückblicken. Im Jahr 1685 läßt sich der erste selbständige Gärtner namens Haage in Erfurt nachweisen. Im Laufe der Jahrhunderte entwickeln sich verschiedene Linien: Johan Nicolaus Haage, Franz Anton Haage, Haage & Schmidt.

Offiziell gilt als Ursprung der Haageschen Versandgärtnerei das Jahr 1822. Friedrich Adolph Haage beginnt sich mit  Kakteen zu beschäftigen, die er allerdings nur an wenige, ausreichend begüterte Kunden veräußern kann.

Katalog von Kakteen-Haage von 1826

Katalog von Kakteen-Haage von 1826

Seine Angebote zeigt er in Beilagen in den ersten deutschen Gartenzeitungen an. Er erreicht binnen kürzester Frist bemerkenswertes Ansehen in ganz Deutschland – was zu dieser Zeit aufgrund der wenig entwickelten Transportmittel sehr selten ist.

Der älteste dokumentierte Versandkatalog stammt aus dem Jahr 1826. Eine Kopie davon sah ich 1991 in der Kew Library, London (vermutlich aus der Sammlung von Gordon Rowley).

Kakteen-Haage versendet noch heute Kakteen und andere Sukkulente Pflanzen an Pflanzenfreunde in aller Welt.

Trotz allem bin ich noch nicht sicher, damit den ältesten Kakteen-, Gärtner- oder Versandkatalog eines noch heute existenten Unternehmens gefunden zu haben. Denn Superlative sind trügerisch und just zu dieser Zeit entstehen verschiedene Gärtnereien mit Versandangeboten.
Darunter auch die vermutlich größte ihrer Art, die Großgärtnerei Haage & Schmidt mit einem – selbst für heutige Verhältnisse – unglaublich umfangreichen Sortiment2.
Allerdings hat keine davon bis auf den heutigen Tag überlebt.

 

Alte Gärtnereien gibt es ebenfalls:

Staudengärtnerei Georg Arends

Die Staudengärtnerei Arends Maubach in Wuppertal- Ronsdorf gilt als eine der ältesten ihrer Art in Deutschland. Ihr Gründer Georg Arends (1863-1952) ist unter anderem bekannt für seine Astilben. Er hinterließ der Nachwelt in summa etwa 350 neue Züchtungen und daneben ein umfangreiches Archiv mit Pflanzenzeichnungen und Fotografien. Heute führt Enkelin Anja Maubach den Namen als Gartenarchitektin fort. Sie steht auf meiner persönlichen Liste der Menschen die ich gern mal kennenlernen möchte.

Seit einiger Zeit sind die Fotos und Zeichnungen aus der Hand von Georg Arends – respektive deren Reproduktionen im von der Heydt-Museum in Wuppertal zu sehen.

Die Staudengärtnerei Gräfin von Zeppelin

… wird übrigens im Jahr 1926 gegründet.

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  1. oder es war der Zeitgeist, denn in holländischen Gärtnerkatalogen dieser Jahre finden sich des öfteren vergleichbare Gärtnerkarikaturen []
  2. auch der Long Tail ist keine neue Erfindung []

Autor: Ulrich Haage

Kaktusgärtner aus Passion... seit 1970, aber mit weitaus längerer Tradition

3 Kommentare

  1. Interessante Idee für diese Zusammenfassung! Danke, den Artikel finde ich ziemlich interessant!

  2. Darüber habe ich bislang noch keine genauen Informationen, aber auf irgendeine Weise muß es dennoch weitergegangen sein – ob mit Fuhrleuten oder einem anderweitig strukturiertem System, dass weiß ich allerdings nicht zu sagen.
    … ist aber auch nicht mein Fachgebiet 🙂

  3. Mit welchem „Logistikdienstleister“ konnte Haage denn ab 1822 die Kunden beliefern? Anscheinend war ja die Post-Landschaft in Deutschland nach dem Untergang der kaiserlichen Reichspost 1806 und vor der Gründung des Postvereins 1850 reichlich fragmentiert.

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