Cactusblog

Aus dem Leben eines Kaktusgärtners

Langer Tag

| Keine Kommentare

Nach einer ganz schön langen Woche gibt es am Wochenende Freizeit. Heute früh entscheiden wir uns für Jewish Brunch – Shakshuka sagt Andreas Rezeptbüchlein, das gibt es bei den Handwerkern immer zum Frühstück – und es sagt auch: da fehlen uns noch einige Zutaten. Das passt, wir machen uns auf den Weg und holen gleich noch die Wochenend FT lecker Mocha und etwas Gebäck um den Hunger beim kochen zu überbrücken.

Unterwegs zur Fleet Street treffen wir Tony und seinen Hund. Wir unterhalten uns über die Schichtungen von Wegeaufbauten und die Verwendung von Geovlies. Ich freue mich über die Offenheit und werfe gleich ein paar meiner Gedanken mit ein … „Die Briten sind doch immer wieder interessiert an Dingen im Garten“, denke ich bei mir, aber vielleicht ist er auch ein Gärtner, obwohl Andrea noch nie von einem Tony erzählt hat. Einmal mehr lernte ich: schließe nie von Äußerlichkeiten – ich lag mit meiner Einschätzung so hübsch daneben, wie ich gleich erfuhr.1

Nach unserem Shakshuka fahren wir nach Chelsea. Dort ist eine große Auktion, auf der auch eine Reihe Gartenmöbel angeboten werden. Wir treffen uns mit einer Freundin von Andrea und schauen uns Sessel, Betten, Tische, Sekretäre, Matratzen, Bilder, Spielschränkchen, Spiegel, Kommoden, Hocker, Sofas und Ottomanen an. Mittendrin finden wir auch eine Handvoll ausgeblichener Gartensessel, die aber mehr ein Schatten ihrer selbst sind. Viel interessanter sind die Dinge, die ich erfahre: warum der Spieltisch offensichtlich für Bridge-Spieler ausgetüftelt wurde, das zwölf Stühle je Stück teurer sind, als zehn, die verschiedenen historischen Epochen in der britischen Kunst, aber auch über die deutsche – so war mir nie so richtig klar, was sich hinter Boheme eigentlich verbirgt. Wir schaffen es, alle Antikhäuser und Auktionen der Strasse abzuklappern, ohne ein einziges Pfund auszugeben. Wobei ich aus dem wundern hier und dort nicht herauskam und regelmäßig „verloren ging“. Es war ganz gut so, denn am Montag hätte ich im Eurostar meine liebe Not gehabt, einen original Tupolev Schleudersitz, einen Oktagontisch mit Rotationserweiterung (ab 8.500 statt 450.000 Pfund), einen 3,50 Meter Kristall-Lüster oder ein Dutzend edwardianische Stühle unterzubringen. Die Angebote waren allemal unglaublich.

  1. Andrea erzählt mir erst danach, die korrekte Anrede wäre „Sir“ gewesen, aber es erschien ihr unpassend, mir in der Situation auf die Nase zu binden, dass ich gerade meine erste Begegnung mit einem der wenigen Lords habe, sie habe sich Sorge um meine Fassung gemacht – womit sie sehr richtig lag []

Autor: Ulrich Haage

Kaktusgärtner aus Passion... seit 1970, aber mit weitaus längerer Tradition

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.