Prof. Dr. Sabine Glasl spricht vor Apothekern über die Heilsamkeit von verschiedenen Heilpflanzen.

Unter anderem geht es auch um Hoodia gordonii, eine Sukkulente aus Südafrika/Namibia. Präperate aus der Pflanze sind teilweise in Verruf geraten, weil unseriöse Anbieter gern mehr versprachen, als diese nützliche Pflanze zu leisten vermag, oder Hoodia-Kapseln mit geringerem, oder ohne Wirkstoffgehalt verkauften. (inzwischen kann man im Internet schon lernen, wie Hoodia-Präperate „gefälscht“ werden…)

Auszug aus einem Artikel der ÖAZ 1/06

Die »Pflanzerei mit den Pflanzen«:
Von Aphrodisiaka bis Zimt

Im Rahmen des ersten Vortrages der Tagung gab Univ.-Prof. Dr. Sabine Glasl, Department für Pharmakognosie der Universität Wien, einen exzellenten Über- und Einblick in die bunte Welt pflanzlicher Mittel, die manchmal so schnell vom Markt wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Pseudowissenschaftliche Berichte erhöhen die Erwartung und verführen die Kundschaft zum Kauf. Welche Meinung soll man als Apotheker dazu haben, welche abgeben? Auf diese Fragen versuchte Prof. Glasl fundierte Antworten zu finden, von denen hier einige wiedergegeben werden:

Hoodia

Eine südafrikanische, sukkulente, kaktusähnliche Pflanze (Hoodia gordonii) erwarb sich bei uns den Ruf, Hunger und Durst zu bekämpfen. Ursprünglich verwendeten sie nomadisierende Hirten auf mehrtägigen Jagdausflügen, um die Entbehrungen besser tolerieren zu können. Verwendet werden die geschälten fleischigen Triebe. Die Entwicklungsgeschichte von Hoodia ist repräsentativ für viele Projekte auf diesem Sektor:
Ein südafrikanisches Forschungsinstitut erkannte im Rahmen eines Screeningprogrammes das Potenzial dieser heimischen Pflanze und fand 1997 einen Entwicklungspartner, die Fa. Phytopharm.
1998 stieg Pfizer in einen Lizenzvertrag mit Phytopharm zur weltweiten Vermarktung als Appetitzügler und bei Typ II-Diabetes ein. Man begann präklinische Studien und schloss sie Ende 1998 ab.
Im orientierenden klinischen Studienprogramm, das von 2001 bis 2003 dauerte, reduzierte P57 (Extraktbezeichnung) die Kalorienaufnahme und senkt den Körperfettanteil.
Pfizer zog sich 2003 aus dem Vertrag zurück und Phytopharm setzte die Entwicklung von P57 als Nahrungsergänzung fort.
2004 räumte Phytopharm Unilever Exklusivrechte ein, und die Entwicklung als Pharmazeutikum wurde endgültig eingestellt.
Eine ganze Reihe von Wirkungen gingen aus dem Prüfprogramm hervor, wie positive Wirkung auf die geschädigte Magenschleimhaut, antidiabetische und appetitzügelnde Wirkungen. Prof. Glasl fand in Presseaussendungen von Phytopharm eine klinische Studie mit 60 übergewichtigen Freiwilligen zitiert, die 2 x täglich P57 oder Placebo schluckten. Nach 15 Tagen war die durchschnittliche Kalorienaufnahme pro Tag reduziert, der Körperfettanteil hatte sich vermindert, ohne dass über unerwünschte Wirkungen berichtet worden war. Im Internet finden sich zum Beispiel folgende Informationen:
So wird unter einer Rubrik »Aktuelles« über Hoodia–Tabletten berichtet, die zu 100% natürliches Extrakt enthalten und einen Hinweis auf das »P57–Molekül« tragen. Der Slogan »Gewichtsverlust ohne Willenskraft« ist selbsterklärend.
Von Gall-Pharma sind Hoodia 50 mg GPH-Kapseln lieferbar. Es soll ihnen ein wässriges Trockenextrakt mit DEV, 20 : 1, zugrunde liegen, das ein »raffiniertes Molekül« beinhaltet und dem Esszentrum erhöhte Blutzuckerspiegel »vorgaukelt«.
In ihrer Bewertung wies Prof. Glasl auf die geringe Fallzahl, den kurzen Beobachtungszeitraum und das Fehlen von Publikationen in Fachzeitschriften hin. Ihr Gesamturteil war, von einer Empfehlung eher Abstand zu nehmen.

Momordica charantia

Überernährung, daraus resultierendes Übergewicht und die entsprechenden Folgen wie diabetische Stoffwechsellage sind nur zu gut bekannt. Wohl deswegen kamen die Bittergurke – oder Bittermelone – und der Zimt bei uns dermaßen ins Gespräch.
Die Bittergurke Momordica charantia (Cucurbitaceae) wird in den tropischen Regionen von Afrika, Lateinamerika und Asien als Frucht, Fruchtsaft und Extrakt verwendet. In Asien sagt man der unreifen Frucht antidiabetische Eigenschaften nach, in Südamerika gelten Blatt, Frucht und Wurzel als Mittel gegen Fieber und in Afrika werden Durchfälle und virale Infekte bei Kindern damit behandelt. Bei uns gibt es einen Tee aus Früchten und Samen (Charantea®). Die klinische Datenlage ist laut Prof. Glasl schwach. Zwei kontrollierte, nicht randomisierte klinische Studien mit 18 bzw. 9 Teilnehmern liegen vor, in denen eine blutzuckersenkende Wirkung beobachtet wurde. Die Verträglichkeit war gut, ebenso in zwei Anwendungsbeobachtungen. Prof. Glasls Endbewertung fiel vorsichtig aus:
Positiv vermerkte sie, dass die entsprechenden Arbeiten in »Diabetes Care« als Review publiziert worden sind.
n Negativ wertete sie den Umstand, dass bei den vorliegenden klinischen Studien keine Randomisierung erfolgt war. Teilweise wurde auf Kontrollgruppen verzichtet ,was die Qualität der Studie mindert und lediglich die Bezeichnung »Anwendungsbeobachtung« erlaubt.

Cinnamomum

Zimtgeruch ist jedem vertraut und wird mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten in Verbindung gebracht, die leider auch dick machen. Dass Zimt aber zugleich antidiabetisch wirkt, hört das Publikum in diesem Zusammenhang gerne, und das ist wahrscheinlich der Grund für das große Interesse am Zimt. Cinnamomum ceylanicum ist in der Europäischen Pharmakopoe enthalten und liefert von den zweijährigen Schößlingen die bekannte Zimtrinde. Cinnamomum aromaticum = cassia wird als chinesischer Zimt bezeichnet, ist als Gewürz im Handel und wird in der TCM als Mittel bei Dyspepsien, Gastritis und bei Entzündungen verwendet. Der wässrig hergestellte Zimtextrakt aus chinesischem Zimt erhöhte in vivo den Insulinspiegel und senkte zugleich die Blutglukose-Werte. In einer randomisierten, geblindeten Studie erhielten 60 Typ II-Diabetiker in 6 Gruppen Zimt oder Weizenmehl–Kapseln. Die Zimtdosis betrug 1g, 3g und 6 g täglich, und der Beobachtungszeitraum umfasste die 40-tägige Behandlungsdauer mit anschließender 20-tägiger Auswaschphase. In diesem Zeitraum sanken die Blutglukosespiegel zwischen –18 und –29%, während sich in der Placebogruppe die Werte nur unwesentlich änderten! Prof. Glasl bewertet in ihrem Resümee den Zimtextrakt als vielversprechend. Der insulinstimulierende Wirkmechanismus gilt als verifiziert. Die erwähnte in Pakistan durchgeführte klinische Studie von Khan et al. erschien 2003 in »Diabetes Care« 26: 3215 – 3218 und lässt einen Einsatz als Nahrungsergänzung bei Typ II–Diabetes zur Unterstützung der medikamentösen Diabetesbehandlung möglich erscheinen. Von höchstem Interesse wäre allerdings die exakte Verifizierung des Wirkmechanismus. Prof. Glasl wies ausdrücklich darauf hin, den behandelnden Arzt von der Einnahme zu informieren. In Deutschland ist Zimt als Diabetruw® mit dem Status Nahrungsergänzung versehen, in Österreich gibt es Zimtkapseln in verschiedenen Stärken ebenfalls in dieser Warenkategorie.

Noni

Kaum ein anderes Anwendungsgebiet erfordert vom Apotheker so viel Fingerspitzengefühl wie jenes der Krebsprophylaxe. Die Kunden schwanken zwischen Angst und Hoffnung und erwarten sich oft Wirkungen, die in keiner Weise rational begründbar sind.
Ein indischer Maulbeerstrauch (Morinda citrifolia, Rubiaceae) mit dem ursprünglichen Verbreitungsgebiet Polynesien liefert den Noni-Fruchtextrakt. Die Frucht diente den Einheimischen während Hungersnöten als Nahrung. Außerdem wurden die Frucht, so wie Blatt Wurzel und Rinde auch als Heilmittel genutzt. Noni erhielt 2003 in Form des Fruchtsaftes im Rahmen der EU eine Genehmigung als »Novel food«. Wegen einer Reihe von experimentellen Befunden wie
Hemmung der Neogenese und der Proliferation des Tumorgewebes und
Degeneration bestehender Gefäße im Tumor und Apoptose
begann man sich wissenschaftlich mit Zubereitungen zu beschäftigen. Prof. Glasl erwähnte in diesem Zusammenhang die moderaten antioxidativen Eigenschaften eines methanolischen Extraktes, die in der Literatur beschrieben worden sind. Eine kleine klinische Phase I-Studie am Cancer Research Center auf Hawai an Krebspatienten ist im Laufen. Möglicher Weise ist Noni nicht so harmlos, wie man allgemein denkt. Denn aus Österreich liegen drei Fälle von akuter Hepatitis nach dem Genuss von Noni-Saft über 1 bis 4 Monate vor, die sich nach Absetzen wieder besserten. Unter den Inhaltsstoffen wird in der Werbung das geheimnisvolle »Proxeronin« erwähnt. Einmal soll es ein Kolloid, dann ein Alkaloid sein, oder es wird als Enzymvorstufe bezeichnet. Die breiteste Bezeichnung, »biochemische Verbindung«, trifft am ehesten zu, sagt aber über den Chemismus überhaupt nichts aus.
Prof. Glasl war in ihrer Endbewertung dementsprechend kritisch. „Wie immer, wenn eine Vielzahl von Indikationen genannt wird und sich die Aussagen zu einem Produkt nur im experimentellen Bereich bewegen, ist Vorsicht geboten. Statt einer klinischen Studie als Beleg wird beispielsweise nur von positiven Tests an 42.000 Probanden gesprochen“ fügte sie abschließend hinzu.

Resümee

Arzneipflanzen sind beim Publikum emotional positiv besetzt, gelten von Haus aus als harmlos und werden von den Leuten dementsprechend kritiklos selbst in abenteuerlichen Indikationen akzeptiert. Bei der Formulierung des medizinischen Anspruches wird von den Firmen meist eine juristische Gratwanderung beschritten. Was Arzneimitteln mit pflanzlichen Inhaltsstoffen und sauberer Dokumentation (Extraktqualität, Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Sicherheit) vorbehalten bleiben sollte, nämlich eine klare Indikationsstellung mit Dosierung und Behandlungsdauer, wird bei der Nahrungsergänzung oft so formuliert, dass die Unterschiede zum Arzneimittel verschwimmen. Hier beginnt – so Prof. Glasl – die »Pflanzerei mit den Pflanzen«, die letztlich aber auch den guten Ruf der Phytotherapeutika schädigt. Aufklärung täte Not und sollte wegen des vorhandenen Wissens in der Apotheke angeboten werden.

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